Karfreitag als Feiertag. Versuch einer Deutung

Viel wurde schon gesagt. Viel zu viel mitunter und vor allem viel zu schnell. Unter den Evangelischen werden die Protestanten wieder lauter. Protest wird gegen das Evangelium getauscht, eine Jetzt-erst-recht-Stimmung schafft sich Raum und drängt den von vielen (außenstehenden) so hoch gelobten offenen, solidarischen und weltzugewandten Kurs unserer Kirche an den Rand. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass die Diskussion um den Karfreitag von mancher Seite instrumentalisiert wird. Der Karfreitag wird Mittel zum Zweck.

Wir Evangelischen vermissen zur Zeit die Solidarität der Mehrheit, das sind in Sachen Glaubens- und Religionsfreiheit die Katholiken, in Sachen arbeitsfreier Feiertag die Arbeitnehmervertretungen. Zurecht?

Ich möchte Diskussion um die Feiertagsregelung etwas ausleuchten und darf mich auf einen beziehen, der zunächst nicht als Anwalt des Christentums aufzeigt: Der jüdische, deutsche Philosoph und Migrant Walter Benjamin. Er hat 1921 ein Fragment hinterlassen mit dem Titel “Kapitalismus als Religion”. Darin zeichnet er den Kapitalismus als Religion mit vier Merkmalen, die im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion erhellend sein können:

1. Merkmal: Dogmenfrei

Klingt doch gut: Endlich eine Religion, die nicht vorschreibt, was man tun und lassen soll und sich dabei auf nicht hinterfragbare Glaubenssätze beruft. Aber: Es klingt nur gut, ist es aber mitnichten. Für Solidarität mit den Armen und den Schutz von Benachteiligten sind Dogmen als Regeln und Moralprinzipien unabdingbar. Dogmenlose Religion wie Benjamin sie im Kapitalismus sieht sind daher vor allem eines: Grundstein für die Bevorzugung der Reichen und Vergrößerung der Ungleichheit.

2. Merkmal: permanenter Kult

Religiöses Leben drückt sich in Feiern aus, die den Alltag unterbrechen. So können Menschen sich wieder besinnen – zur Besinnung kommen. Der kapitalistische Kult hingegen zelebriert ohne Unterbrechung. Sein Rhythmus ist 24/7: Zerstreuung, Konsum und Genuss rund um die Uhr. Die heile Welt, die uns vorgegaukelt wird, benebelt so sehr, dass wir uns unserer Entfremdung bewusst werden.

3. Merkmal: Verschuldeter Kult

Schuld steht in der heutigen Welt nicht hoch im Kurs. Ganz anders als Schulden. Verschuldung ist notwendiger Bestandteil des Kapitalismus, während Schuld verharmlost wird. Schuld und Erlösung werden durch Verschuldung ohne Erlösung ersetzt. Dazu kommt, dass die klassischen Laster wie Neid, Habgier und Stolz nicht gesühnt werden müssen, sondern dienen dem System.

4. Merkmal: Versteckter Gott

Dieser versteckte Gott ist nach Benjamin der Mensch selbst. Durch Stolz und Rivalität erhöht er sich bis zum Übermenschen. Verbunden mit dem Merkmal der Verschuldung hat der sich selbst vergöttlichte Mensch keinen Bedarf an Umkehr oder Sühne.

2019: Wirtschaftliche Interessen demontieren den Karfreitag

Zum ersten Merkmal fällt auf, dass die Bedürfnisse der (evangelischen) Kirche nach dem Feiertag überhaupt keine Rolle spielen. Mit Verweis auf den Entscheid des EuGH werden jegliche inhaltliche Argumente ignoriert

Zweitens: Dass durch die Wegnahme eines Feiertages und den Ersatz durch einen “persönlichen Feiertag” wird die Festkultur des christlichen Abendlandes in den Grundfesten angegriffen. Selbstkritisch ist allerdings zu fragen, ob der Karfreitag in den vergangenen Jahrzehnten nicht von vielen Evangelischen selbst zu einem kultlosen “Frei”-Tag gemacht wurde anstelle eines Feiertages. Der Entscheid des EuGH greift denn auch nicht den Feiertag als kirchlichen Festtag an, sondern den bloßen Umstand, dass zwei Dienstnehmer unterschiedlichen Lohn erhielten.

Gerade das dritte Merkmal zeigt in der Karfreitagsdiskussion ein eher sperriges Bild hinsichtlich der Ökumene. Denn auch in der katholischen Theologie ist der Kreuzestod Jesu Christi die Grundlage unserer Erlösungshoffnung, die in der Auferstehung am Ostermorgen ihre Erfüllung erfährt. Offensichtlich ist der Inhalt des Karfreitag nicht mehr kommunizierbar im öffentlichen Kontext. Schuld kommt nicht gut an…

Schließlich komme ich hinsichtlich des vierten Merkmals zu meiner Angst in der Feiertagsdebatte. Die meisten Zeitgenoss*inn*en scheinen sich mit ihrer Rolle als Kostenfaktor in der Wirtschaft abgefunden zu haben, scheinen sogar selbst ökonomische Faktoren bezüglich der eigenen Kirchenmitgliedschaft in den Vordergrund zu stellen. Lassen wir uns tatsächlich derart von unserem Menschsein entfremden, wie Benjamin gewarnt hat? Kann es sein, dass gerade die Debatte um einen der höchsten Feiertage der Christenheit die Thesen Karl Marx in größter Deutlichkeit Gestalt annehmen lassen?

Abschließend hege ich die zarte Hoffnung, dass in dieser verschuldeten Zeit die Stimme eines entsühnenden Kultes, wie dem Christentum wieder Gehör bekommt.

Link: Walter Benjamin, Kapitalismus als Religion, 1921

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